Der Küstenmammutbaum wird höher als jeder andere Baum der Erde — und verdankt das einem schmalen Streifen Nebel, den es nur hier gibt.
Ein Baum von 115 Metern Höhe muss Wasser gegen die Schwerkraft bis in die Krone ziehen. Das geht nur bis zu einer bestimmten Höhe — danach reißt der Wasserfaden ab. Der Küstenmammutbaum umgeht das Problem, indem er einen Teil seines Wassers gar nicht erst durch den Stamm transportiert: Rund 40 Prozent der Feuchtigkeit nimmt er direkt aus dem Nebel auf, der im Sommer die eingeschnittenen Flusstäler heraufzieht. Genau deshalb wächst er nur auf einem schmalen Küstenstreifen von Nordkalifornien bis ins südlichste Oregon und nirgendwo sonst auf der Welt.
Die Statik ist die zweite Überraschung. Bei über hundert Metern Höhe gehen die Wurzeln nur drei bis vier Meter in die Tiefe. Sie breiten sich stattdessen 20 bis 27 Meter seitlich aus und verhaken sich mit den Wurzeln der Nachbarbäume. Ein Mammutbaum steht nicht auf einem Pfahl, sondern in einem Geflecht — und fällt, wenn man ihn isoliert. Das ist auch der Grund für die eindringliche Bitte der Parkverwaltung, am Fuß der Bäume auf dem Weg zu bleiben: Der Wurzelteller liegt unmittelbar unter der Oberfläche, und verdichteter Boden erreicht ihn schneller als jede Säge.
Der Bestand ist ein Rest. Einst bedeckte die Art rund zwei Millionen Acres. Seit 1850 wurde so gründlich gefällt, dass heute fünf Prozent des ursprünglichen Altbestands übrig sind. Als 1968 der Nationalpark entstand, war ein erheblicher Teil der später einbezogenen Flächen bereits kahl; der Park ist deshalb bis heute zu großen Teilen eine Renaturierungsbaustelle, auf der Forststraßen zurückgebaut und Bäche wieder an ihren alten Lauf gelegt werden.
Wie viel vom weltweiten Restbestand hier steht, beantwortet die Verwaltung selbst uneinheitlich: Die Zahlenseite nennt rund 35 Prozent, der Besucherführer 2026 nennt 45 Prozent. Beide Angaben stammen aus demselben Haus. Wir geben beide wieder und weisen auf die Abweichung hin, statt stillschweigend die günstigere Zahl zu übernehmen.
Was ein Küstenmammutbaum aushält, zeigt sich am besten an den ausgebrannten Stämmen, die überall im Park stehen. Die dicke Rinde enthält kaum Harz und schützt den Kern gegen Feuer; brennt der Kern trotzdem aus, wächst der Baum als Hohlform weiter. Und selbst ein gefällter oder umgestürzter Stamm ist nicht am Ende: Aus schlafenden Knospen und aus den knotigen Maserknollen treibt er neu aus. Was hier wie ein Kreis junger Bäume aussieht, ist oft ein einziger Klon um einen längst verschwundenen Stumpf.
NPS: Über die Küstenmammutbäume ↗